bananaheader0309 the banana skirt chronicles: December 2012

Monday, December 17, 2012

"Heute geht die Welt unter!"

So oder so ähnlich titelte die BILD Zeitung schon mal vor ca. 100 Jahren, als ich in der 5. oder 6. Klasse war.
Da meine Eltern die BILD aber nicht lasen, fuhr ich völlig ahnungslos ob des drohenden Unglücks auf meinem Fahrrad zur Schule. Nicht ahnend, dass die Menschheit den nächsten Sonnenaufgang nicht mehr erleben würde. Die Eltern meiner Mitschüler waren jedoch nicht so ignorant, weshalb ich noch vor Beginn der ersten Stunde davon informiert wurde, dass wir alle dem Tode geweiht waren. Es gab auf dem Schulhof kein anderes Thema.
Im Gegensatz zu mir schienen das aber alle anderen gut wegzustecken.

Die Welt geht unter. Oh Gott.

Ab der ersten Stunde saß ich völlig apathisch auf meinem Stuhl, schaute aus dem Fenster und beobachtete bang das Wetter. Wie würde die Welt untergehen? Warum hab ich Marina nicht nach Details gefragt??? Jetzt fängt es an zu nieseln, saufen wir vielleicht alle ab? Ein Feuerball? Erdbeben? Die Information allein hatte mich schon so geschockt, dass ich nicht daran gedacht hatte, mich näher zu erkundigen.

Die restlichen Schulstunden zogen an mir vorbei, ohne, dass ich vom Stoff irgendetwas mitbekam. Das war zwar sonst auch oft so, aber diesmal zogen keine pinkfarbenen Barbie-Häuser durch meine Tagträume, sondern Bilder à la Hieronymus Bosch. Schreiende Menschen. Brennende Häuser.
In meiner Panik fragte ich mich nicht mal, weshalb die Lehrer trotz des bevorstehenden Weltuntergangs einfach Unterricht nach Vorschrift machten ...
Was, wenn ich es nicht mehr rechtzeitig nachhause schaffen würde? Würde ich meine Familie je wiedersehen? Und wenn ja, würden uns meine Eltern die Weihnachtsgeschenke schon vorher geben, weil wir das Fest ja offensichtlich nicht mehr erleben würden?
Und wieso waren die Lehrer alle so gelassen? HATTEN DIE DENN DIE BILD NICHT GELESEN?

Meine Klassenlehrerin traute ich mich auch nicht zu fragen ... Beim letzten Mathetest hatte ich eine komplette Seite übersehen und eine 5 bekommen. Nur durch den ...ähm... sehr engagierten Einsatz meiner Mutter durfte ich den Test wiederholen, seitdem war das Verhältnis zwischen mir und Frau S. ziemlich angespannt. Sie hielt mich eh schon für etwas doof, da musste ich ihr Urteil nicht auch noch mit einer Frage nach dem Weltuntergang bestätigen.

Nach schier unendlichen Unterrichtsstunden durften wir endlich nachhause. Ich trat so schnell in die Pedale, wie ich konnte, um noch vor dem Weltuntergang nachhause zu kommen. Trotzdem wurde ich noch von meinem Klassenkamerad Hubert überholt, der mir grinsend ein "Bis morgen! Vielleicht ...", zurief.
Ich fuhr noch schneller.

Zuhause angekommen rückte ich aber immer noch nicht mit der Sprache raus. Ich quälte mich durch Mittagessen und Hausaufgaben (deren Sinn ich in unserer damaligen Situation ja nicht so ganz einsah, aber ich war ein pflichtbewusstes Kind). Und durch die Krankengymnastikstunde, die ich wegen meiner schlechten Haltung aufgebrummt bekommen hatte.
Als nach 60 Minuten Kerze machen, über Balken laufen und auf Zehenspitzen gehen dann draußen der Regen heftiger wurde, brach ich schließlich zusammen und vertraute mich meiner Mutter an. Die tatsächlich den ganzen Tag nicht davon gewusst hatte, dass uns das große Ende bevor stand. Und was mich beruhigte waren damals tatsächlich ihre Worte "Wohin soll die Welt denn bitte untergehen?"
Hm. Das hatte ich nicht durchdacht.

Heute würde mir da eine ganze Menge einfallen, aber damals hatte ich von Atomunfällen, Altersversorgung und PUR ja noch keine Ahnung.