bananaheader0309 the banana skirt chronicles: Thema des Tages: Ein Tag im Zoo.

Friday, December 07, 2007

Thema des Tages: Ein Tag im Zoo.

(Als Herr XY und ich uns erst kurze Zeit kannten, forderten wir uns gegenseitig heraus, Kurzgeschichten zu einem jeweils vorgegebenen "Thema des Tages" zu schreiben. Ich habe gerade meinen alten Datenträger wiedergefunden...wenn mein ehemaliger Agenturchef wüßte, wieviel Zeit ich damit und nicht mit dem Verfassen eines Digitalkameralexikons verbracht habe...und wie wenig Ahnung ich eigentlich von Digitalkameras hatte...)

(04.09.2002)
Ein Tag im Zoo

Es war ein warmer Spätsommervormittag.
Horst Krause löste eine Eintrittskarte bei der Frau mit der schlechten Dauerwelle und dem skeptischen Blick. Sie konnte sich vermutlich auch nicht erklären, wieso er zehn Tage nacheinander immer wieder hier vorbeikam.
Dabei war die Erklärung so einfach.
Er setzte sich auf seinen Stammplatz direkt gegenüber des Geheges und stellte seine Aktentasche und die Thermoskanne ab. Hagebuttentee. Seine Mutter hatte ihn heute morgen aufgegossen in der Annahme, Horst würde wie jeden Tag zu seinem Job als Buchhalter in einer Schiffsschraubenfirma fahren. Seit über 20 Jahren war das so. Seit 10 Tagen war es anders. Denn hatte er SIE das erste Mal gesehen. Kräftiges, gelocktes dunkles Haar, ein kräftiger Körper und ein ganz zauberhaftes Gesicht mit großen, dunklen Augen. Er seuftzte.
Mittlerweile kam etwas Leben in den Tierpark. Mütter schoben kleine Kinder in Buggys über die verschlungenen Sandwege und die Eisverkäufer bauten ihre Stände auf.
„Guck mal Gisela, da ist dieser komische Typ schon wieder...“, raunte der Tierpfleger seiner Kollegin zu, während er das alte Stroh im Elefantengehege zusammenharkte. Gisela wusste genau, wen er meinte. Einen Mann mittleren Alters, dicklich, wenig Haare und eine Hornbrille mit Gläsern, die aus den Böden von Cognacschwenkern geschliffen schienen. Der unmodische graue Anzug glänzte schon an diversen Stellen, die Hose war zu kurz und gab den Blick auf schlammfarbene Socken und ein Stück behaartes Männerbein frei. Die braunen Halbschuhe waren ausgetreten.
„Leberwurst!“ dachte Horst angewidert, der gerade nachgesehen hatte, was Mutti ihm auf sein Vesperbrot geschmiert hatte. Er hasste Leberwurst. Noch mehr allerdings hasste er diese kleinen sauren Dillgürkchen, die sie immer in die graue Masse drückte, obwohl er ihr schon mehrmals gesagt hatte, dass er sie nicht ausstehen konnte. Mutti hatte etwas von „Vitaminen“ gemurmelt und damit war die Diskussion zuende.
Horst und seine Mutter hatten ein besonderes Verhältnis. Seit über 40 Jahren lebten sie nun schon allein zusammen. Sie hatte nicht mehr geheiratet, nachdem ihr Mann sie mit dem Kleinkind sitzen ließ und er hatte sich nie für Frauen interessiert. Auch nicht für Männer. Ein mitleidiger Kollege hatte ihm mal die Nummer einer „Professionellen“ zugesteckt, damit Horst auch mal ein bisschen „Dampf ablassen“ könne, aber schon das Telefonat hatte in einer Katastrophe geendet. Als die Frau am anderen Ende der Leitung mit ihrer ruppigen Stimme sagte „150, Französisch kostet 50 extra!“ hatte Horst geantwortet „Nein nein, ganz einfach Deutsch reicht mir. Ich hab’s nicht so mit Fremdsprachen.“ Daraufhin war nur ein fieses kehliges Lachen zu hören und Horst warf in seiner Panik den Hörer auf die Gabel.
So lebten Horst und Mutti ruhig und beschaulich in dem kleinen Reihenhaus am Stadtrand und er wäre nie auf die Idee gekommen, dass ihm etwas fehlen würde.
Bis vor zehn Tagen.
Er wollte an diesem Sonntag etwas besonders tun, so war mit seiner Mutter in die Straßenbahn gestiegen und lud sie in den Tierpark ein. Es war wie immer. Sie trippelte neben ihm her, befahl ihm, nicht so voranzupreschen und blieb alle fünf Meter stehen, um zu verschnaufen.
Als sie vor dem Freigehege des Affenhauses ankamen, traf ihn plötzlich ein Blitz aus heiterem Himmel. Eine Abrissbirne riss ihn förmlich aus den Schuhen... Von diesem Gefühl hatte er bisher nur in den ‚Rosamunde Pilcher’-Filmen gehört, die Mutti und er fast jeden Sonntagabend sahen, während sie sich eine Packung Goldfischli teilten.
Da war sie. Fast majestätisch schritt sie durch die anderen hindurch. Kratzte sich am Kopf...Horst war wie paralysiert. Er stoppte abrupt und Mutti fiel beinahe über einen seiner ausgelatschten Halbschuhe. Und sie war nicht begeistert. „Was glotzt Du so in das Affengehege?!?“ Etwa 10 Meter entfernt war der süßeste Gorilla, den er je gesehen hatte. Ihre Augen trafen sich, sie teilten einen Blick... „Hooooooorst!“ Mutti zupfte ungeduldig an seinem Ärmel. Er kam langsam zu sich. „Können wir jetzt endlich weitergehen? Ich möchte noch auf ein Kännchen HAG in das Café.“ Wiederstrebend folgte Horst, allerdings nicht ohne vorher noch einen Blick zurückzuwerfen und lautlos mit den Lippen ein „Ich komme wieder“ zu formen.
Und das tat er nun seit zehn Tagen. Immer wenn Mutti dachte, er wie immer brav an seinem Schreibtisch in der Schiffsschraubenfirma, war er hier. Und saß auf seiner Stammbank genau gegenüber des Geheges. Trank den Hagebuttentee, warf das Leberwurstbrot meist irgendwann ins Goldfischbecken und kommunizierte per Blickkontakt mit seiner Liebsten. Diese sonderte sich dann immer ein wenig von der Herde ab, kam zum Gitter und bohrte in der Nase.
Seinem Chef hatte er ein gefälschtes Attest zukommen lassen, dass ihn mit Drüsenfieber für die nächsten vier Wochen in den Krankenstand schickte. Was danach kam, wusste er noch nicht. Aber vielleicht waren er und sein Mädchen dann auch schon über alle Berge. Die Bananenstaude, die er ihr über den Wärter hatte zukommen lassen, war mit einer Art lautem Geschrei entgegen genommen worden, das Horst eindeutig als Zustimmung deutete.
Nun stand nur noch Mutti seinem Lebensglück im Wege.

Labels:

0 Comments:

Post a Comment

Links to this post:

Create a Link

<< Home